Tor Exitserver beschlagnahmt

Ich berichtete über anonymes Surfen mittels Tor. Dabei werden stets drei unterschiedliche Server in Reihe benutzt um quasi-anonym auf Seiten zuzugreifen. Bei der entsprechenden Seite sieht der Zugriff dann so aus, als ob er vom letzten der drei Server in der Reihe kommt. Soviel zum Hintergrund, über den unsere Staatsgewalt scheinbar weniger weiß, als wir wissen.

Sonntag morgens am 29. Juli um 0 Uhr 15 klopfte es bei Alexander an die Türe. Die liebe Polizei. Er wurde erst einmal in Handschellen gepackt und durfte sich in die Küche setzen während das Geschehen seinen Lauf nahm. Seiner Aussage nach wurden selbst simple Dinge wie alte Chemiebücher und Kunstdünger als interessant erachtet, da über seinen Tor-Exitknoten im Copzone-Forum eine Bombendrohung abgesetzt wurde.

Auf seine Bürotüre bekam er ein neues Schloß (zu eigenen Kosten). Daß der Exitknoten aber knappe 500 km entfernt steht war wohl unwichtig. Dieser wurde nämlich nicht beschlagnahmt.

Alexander zieht natürlich die Konsequenzen und schaltet seinen Tor-Knoten ab – der immerhin gut 40 GB pro Tag geschaufelt hat. Daß er das macht kann ich nachvollziehen – selbst ich mit meinem lächerlichen 20 kB/s (für Tor) habe die Exitports alle gesperrt, so daß ich “nur” noch Middleserver bin.

Kai schreibt, daß damit der Weg für die Vorratsdatenspeicherung geebnet wird. Zuvor muß dafür schließlich anonymes Surfen ausgeschaltet werden.

Ich will nicht sagen daß ich die Vermutung falsch finde – aber möchte mich ihr auch nicht anschließen da sie mir ein wenig zu weit geht. Toll ist das aber mit Sicherheit mal nicht, was dort passiert ist. Das ist wohl ein eindeutiger Rückschritt in der Freiheit :-|

Ab hier drifte ich vom Ursprungsthema ab:

So ganz nebenbei fällt mir dazu aber noch eine passende Anekdote ein; meine Freundin und ich waren bis vor kurzem auf Wohnungssuche. So kam es auch daß wir an einem Abend eine Besichtigung einer Wohnung durchführten, in der ein älteres Pärchen (noch) wohnte. Seine Frau führte uns herum und er guckte Fernsehen. Später gab es einen Moment in dem ich alleine mit meiner Freundin auf dem Balkon stand und wir uns umguckten. Drinnen unterhielt sich der ältere Mann mit dem Vermieter und empörte sich darüber daß er im Fernsehen gerade mitbekommen hat, daß es im Internet Anleitungen gibt um Bomben zu bauen. Sein Wortlaut in etwa:

Da gibt es im Internet Anleitungen um Bomben zu bauen. So etwas kann ich nicht verstehen *kopfschüttelnd*, das muß doch verboten werden.

Ich habe mich geschlossen gehalten, da ich in der Situation mit Sicherheit keine Diskussion vom Zaun brechen wollte – und diese mit Sicherheit auch länger geworden wäre. Aber da kam mir echt die Galle hoch. Natürlich gibt es den Kram, das ist richtig. Aber genügt es denn nicht daß das Bauen von Bomben schon verboten ist? Weil, wo soll man denn da die Grenze ziehen was “gute” Information ist und was “schlechte” Information ist? Im Internet finden sich bestimmt auch Informationen um Funkgeräte zu bauen, damit kann man auch Schindluder betreiben (man stelle sich eine kommunizierende Terroristengruppe vor). Und soweit ich weiß haben Bomben auch nichttödliche, sinnvolle Einsatzzwecke im Bergbau. Also wo die Grenze ziehen? Ob das Verschwinden von Bombenbauanleitungen aus dem Internet auch das Fehlen jeglicher “Privat”-Bombem zur Folge hätte ist sowieso fraglich. Oder wird demnächst noch der Chemieunterricht und jegliche Chemielektüre zensiert?

Die Aussage des älteren Herren strotzte nur so von einem fehlende Überblick über die Gesamtlage. Und das Schlimmste dabei; dafür kann ich ihm nicht einmal böse sein. :-? Weder Politik noch die Medien bemühen sich um eine rationale Darstellung von Sachverhalten. Da wird polemisiert auf daß die Stimmen gehalten werden.

Ich bleibe dabei bei meiner alten Argumentation daß es nicht bringt den Leuten alles zu verbieten und jegliches Wissen vorzuenthalten um Schaden vorzubeugen Security by Obscurity funktioniert schon in der IT-Branche seit dem Internet (spätestens) nicht. So wird die Gesellschaft nicht besser.

Exekutive und Verbrecher haben sich im Laufe der Geschichte in ihrem technischen Stand immer jeweils angepasst. Es wird nie dazu kommen daß die eine Seite definitiv die andere Seite komplett schlägt. Warum also dieses Spiel nicht einmal sein lassen und sich endlich auf den Ernst des Lebens konzentrieren? Endlich dafür zu sorgen, daß alle Politiker vernünftige Vorbilder in jeglicher Hinsicht sind, genügend Bildung verabreicht wird, keine Ressourcenausbeutungen mehr durchgeführt werden. Aber das wird mir jetzt zuviel – ich wiederhole mich. Es gibt Tage, da möchte ich über Politik nur weinen.

Natürlich bin ich jetzt, mal wieder, total vom Anfangsthema abgewichen. Man möge mir das verzeihen. Aber dieser ganze Mist läuft für mich auf das gleiche hinaus: auf einer Skala betrachtet gibt es wenige Menschen denen es (zu) gut geht und zu viele Menschen denen es viel zu schlecht geht. Das ist für mich der Hauptgrund für die ganze Scheiße die auf der Erde passiert. Und um das zu beseitigen gibt es mehr Mittel und Wege als Kommunismus. Ein Weg wäre da vielleicht mal weniger Egoismus in der Politik/Wirtschaft (ganz im Allgemeinen).


Comments

  1. Starkiller says:

    Thema1:
    Schade, ich benutze Tor zwar (noch) nicht, aber bei mir wäre da ein ‘Und jetzt erst Recht’-Gefühl aufgekommen, Anonymisierung war und ist nicht strafbar.

    Thema2:
    Ein Verbot von Informationen als Strafvorbeuge ist so ziemlich das dämlichste überhaupt, aber genau um das geht es hier. Security through Obscurity versucht auch nicht die Gesellschaft zu verbessern, als Mittel um Bürger unwissend und stumm zu halten ist es aber ganz brauchbar.
    Wenn man das Prinzip von StO auf den Staat anwendet, bedeutet es eher, das all die Leute die böse auf den Staat sind, und Bomben bauen wollen, keine Anleitungen finden sollen, besser wäre natürlich die Leute einfach nicht zu verärgern. Oder eben allgemeiner, das unwissende Massen einfach wesentlich einfacher zu kontrollieren sind, etwas ähnliches hat die Kirche im Mittelalter schon recht erfolgreich mit der Kontrolle des geschriebenen Wortes praktiziert.

    Thema3:
    In der Politik läuft so viel schief das man sich manchmal echt fragen muss, ob wir nicht einfach alle besser dran wären wenn man die komplette Politik einfach abschaffen würde. So viele Entscheidungen dort laufen einfach dem normalen Verstand zuwieder, das dies nicht so abwegig klingt. Verwalten müssten wir uns dann aber trotzdem irgendwie weiter, also wieder irgendwelche Vertreter wählen und es geht von vorne los. Das Problem liegt wahrscheinlich einfach in der großen Anzahl der Leute, egal was man macht, man wird nie eine Marschrichtung finden der alle 80 Millionen zustimmen würden, selbst wenn es nur noch Cola regnet, die Flüße mit Vla gefüllt sind und jeder 10.000€ pro Monat aufs Konto bekäme, gäbe es noch Dinge über die man sich aufregen könnte. Ich bin sicher, irgendwo ausserhalb der Politik gibt es auch Leute die sich ganz doll die Vorratsdatenspeicherung und den Bundestrojaner wünschen, weil sie Angst um ihr Seelenheil haben und Computer ja sowieso alle böse sind.

  2. Pierre says:

    Da weiß ich halt nicht so genau wie die Gesetzeslage aussieht. Fakt ist halt nur daß meist zuerst beim Betreiber des anonymen Gateways gesucht wird – das macht die Sache halt schon was heikel. Gut, mit entsprechend Kleingeld und Rechtsschutz -Versicherung ausgestattet wäre mir das wohl auch ein Stück mehr egal.
    Mit Kirche und Büchern hast du insoweit Recht. Wollen wir mal hoffen daß die Staaten nicht ernsthaft versuchen so einen geistigen Schindluder wieder zu betreiben.
    Für die Vorratsdatenspeicherung wird es mit Sicherheit in der Bevölkerung Befürworter geben. Und es stimmt auch wenn du sagst, daß die Menschen wohl nie zufrieden sein werden. Im Umkehrschluß kann man die Frage stellen ob es uns zu gut geht – aber ich glaube wenn man das mit “Ja” beantwortet, würde man sich selbst das Potential zur ständigen Selbstverbesserung nehmen. Man muß es ja nicht dem alten französichem Adel nachmachen und dekadent werden – aber die eigene Situation zu überdenken schadet nie. “Unüberwachtheit” ist schon ein schützenswertes Gut – finde ich.
    Wobei, wenn ich mir in dem Zusammenhang überlege wie wir uns um Datenspeicherung sorgen, und andere froh wären, wenn sie etwas zu Essen hätten… Man sollte natürlich nicht das Gesamtbild aus den Augen verlieren, aber vielleicht bekommt die Menschheit es ja einmal hin daß die Lebensumstände eines jeden auf diesem Planeten mindestens gleich sind.

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